Coronavirus: Italiener haben keine Lust auf Matratzen, dem Sporthandel bricht der Markt zusammen - nur die Logistik läuft

Coronavirus: Italiener haben keine Lust auf Matratzen, dem Sporthandel bricht der Markt zusammen - nur die Logistik läuft

Wer einmal in Mailand einkaufen war und das Flair hier genossen hat, findet für den aktuellen Zustand der Stadt nur ein Wort: Silentium. Italien ist vorübergehend stillgelegt worden, das Coronavirus lässt das Land erstarren. Das trifft den Handel jetzt schon hart, und wehe, wehe, wenn ich das Ende sehe. Das Italien-Dilemma trifft sogar deutsche Händler. Doch manch deutscher Händler sorgt noch für erfreuliche Nachrichten.

Steffen GerthSteffen GerthRedakteur Der Handel und etailment
9 Min.· Aktualisiert am
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Emma ist ein Italien-Verlierer, will aber weiter kräftig wachsen


Und den italienischen Lockdown merkt auch Emma - The Sleep Company. In 21 Ländern weltweit ist das Frankfurter Matratzen-Start-up mittlerweile aktiv (online und durch Partnerschaften mit stationären Händlern), und wen wundert es, dass es derzeit mit dem Geschäft in Italien nicht mehr so gut läuft. "Wir spüren in Italien derzeit einen Rückgang bei den Bestellungen", sagt Emma-Gründer-und-Chef Dennis Schmoltzi zu Etailment. Trotzdem hält der Botschafter des guten Schlafs an der Jahresprognose für sein Unternehmen fest: 200 Millionen Euro sind als Umsatzziel ausgegeben worden. "Wir sind bisher gut im Plan", versichert Schmoltzi. Sollte der aufgehen, wäre das erneut ein knackiges Plus, wenn auch nicht so knackig wie im Jahr 2019. Damals schoss der Umsatz im Vergleich zu 2018 um sage und schreibe 86% auf 150 Millionen Euro in die Höhe - und das profitabel, wie betont wird, ohne Angaben zum Gewinn zu machen. Für dieses Jahr will Emma zudem den Auslandsmarkt Nummer 22 erschließen. Welcher das ist, verrät Schmoltzi allerdings nicht - mit Ankündigungen oder Prognosen sollte man im Jahr 2020 ohnehin vorsichtig sein.

Hohe Hürden für den Sportfachhandel

Wenig gewagt ist es allerdings, dem Sportfachhandel ein schwieriges Jahr vorherzusagen. Der Hersteller Puma musste gerade erst seine noch frische Jahresprognose nach unten korrigieren. Kaspar Rorstedt, Chef von Adidas, hatte zwar in dieser Woche eine grandiose Bilanz für 2019 vorgestellt - und daran wird man sich Ende 2020 wahrscheinlich erwärmen, wenn man fröstelnd über den Zahlen des laufenden Jahres sitzt.

Die Corona-Krise kostet Adidas allein im ersten Quartal geschätzt 1 Milliarde Euro - und das nur in China. Denn der Rest der Welt wird ja gerade erst von der Virus-Krise voll getroffen. Das wird dem enorm wichtigen Markt Deutschland erheblich schaden. Profi-Fußballspiele finden bereits vor leeren Rängen statt, oder eben gar nicht mehr, wie der europäische Verband an diesem Freitag für die Vereinswettbewerbe in der kommenden Woche angeordnet hat. Der deutsche Amateur- und Jugendfußball kommt bereits nach und nach zum Erliegen. Auch etliche, auch große Laufveranstaltungen wie der Hamburg-Marathon (19. April) wurden schon abgesagt, was aus internationalen Ereignissen Fußball-Europameisterschaft (in 12 Ländern, Eröffnungsspiel in Rom) und Olympischen Spielen (Tokio) wird, weiß noch niemand.

Die Regionen Tirol, Vorarlberg und Salzburg habe gerade ihre jeweilige Skisaison vorzeitig beendet. Und in Deutschland war der zurückliegende Winter sowieso keiner, der den Kauf von Skiausrüstung oder Schlitten rechtfertigt hätte. Was das alles für den Sportartikelhandel heißt, kann sich jeder ausmalen. Und wer eh schon angeschlagen ist, wie Intersport, steht vor einem bitteren Jahr. Vergangenen Montag musste Alexander von Preen, Vorstandschef der Verbundgruppe, den Mitgliedern auf der Generalversammlung in Heilbronn erklären, wie das Minus von 17,6 Millionen Euro beim Jahresergebnis für das Geschäftsjahr 2018/19 zustande gekommen ist. Dabei war ein Plus zwischen 400.000 und 2 Millionen Euro erwartet worden, wie es in der Bilanz heißt. Versucht man, den Hauptgrund für die Schieflage bei Intersport zu ermitteln, ohne sich in Details wie Versäumnisse im Onlinehandel sowie der hausgemachten Voswinkel-Krise zu verlieren, kann man die These aufstellen: Die Verbundgruppe hat ihre Warenkompetenz verloren. Aber daran ist mal nicht das Coronavirus schuld.

E-Food gewinnt in der Krise - und hat deswegen Schwierigkeiten



Soll man sich jetzt freuen, dass nicht alle über die Virus-Krise jammern müssen? Der Online-Lebensmittelhandel ist jedenfalls ein Gewinner der Pandemie. Das Institut für Handelsforschung (IFH) teilt aktuell mit, dass 52% der Onlinelebensmittelkäufer im Vergleich zu den vergangenen ein bis zwei Jahren ihre Lebensmittel häufiger online einkaufen, um den Gang in den Supermarkt zu vermeiden. Heißt: Wer eh schon im Internet seinen Speicher füllt, macht das jetzt öfters als bisher. In den Warenkörben landet hier wie bei den"Hamsterkaufkunden" in den Supermärkten alles, was man braucht, um daheim entweder eine längere Belagerung oder eine Quarantäne auszuhalten: Nudeln, Konserven, Reis.
Doch die Furcht der Kunden, bei Aldi in der Schlange von einem Corona-Infiziertem angehustet zu werden, hat eben auch zur Folge, dass der Onlinehandel jetzt an seine Prozessgrenzen kommt. "Wer aktuell Lebensmittel online bestellen und sich nach Hause liefern lassen möchte, muss mit längeren Wartezeiten rechnen", sagt Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung am IFH. Bisher waren hohe Lieferkosten und fehlende multisensuelle Begutachtung der Ware Gründe gegen Onlinekauf von Lebensmitteln, schreibt das Institut. "Doch in Anbetracht von zunehmenden Meldungen rund um das Coronavirus erfolgt eine Neubewertung: Die Lebensmittellieferung nach Hause ist für viele Konsumenten nicht nur eine bequemere Option für den Wocheneinkauf, sondern aktuell auch die gefühlt sicherere Wahl."

Die Logistik läuft weiter wie geschmiert



Wer zu den Gewinnern gehört, ist in diesen Tagen der Kaiser. Ein König ist heute schon jemand, der bisher nicht zu den Verlierern zählt. Und das ist die Logistikbranche. Der Immobiliendienstleister Colliers hat sich unter deutschen Unternehmen umgehört und liefert ein verblüffendes Ergebnis: 41% der befragten 130 Marktakteure haben demnach wegen des Corona-Irrsinns keine Einschränkungen in ihren Geschäftsaktivitäten. Gerade einmal 15% der Befragten gaben an, dass sie Vorkehrungen getroffen haben, die über die vorsorglichen Maßnahmen wie Reiseeinschränkungen, Home Office und erhöhte Hygienemaßnahmen hinausgehen. Dazu darunter zählen auch die Umstrukturierung von Prozessen oder die Suche nach alternativen Zulieferern. Nur 2% gaben an, Projekte vorerst komplett eingestellt zu haben, um den weiteren Verlauf zu beobachten. Dies betraf in erster Linie Unternehmen aus dem Handel und dem produzierenden Bereich. 15% der Unternehmen aus dem Bereich Transport / Logistik gaben an, spürbare Einschränkungen im Liefer- und Warenverkehr zu vermerken. 9%der Logistikunter nehmen haben im Zuge der aktuellen Entwicklungen Prozesse umstrukturiert.

Alles neu macht auch bei Real der Mai



Dass Real von den "Hamsterkäufen" profitiert, hatten wir vor Wochenfrist schon mitgeteilt. Nun weiß man, wer die SB-Warenhauskette künftig leiten soll: Chef der Geschäftsführung wird der ehemalige Lidl-Manager Bojan Luncer, zu seinem Team gehören weiter der Transformationsexperte Michael Dorn und der ehemalige Rewe-Manager Oliver Mans. Dorn wird Finanzchef, Mans der Mann für Waren und Lieferkette. Möglicherweise wird aus dem Geschäftsführungs-Trio ein Quartett, denn angeblich soll der neue Real-Eigentümer SCP noch eine Kraft für das Ressort Personal suchen. Angesichts der zu erwartenden Verwirbelungen bei der Mitarbeiterschaft dürfte dieser Posten von großer Wichtigkeit sein. Nach Lage der Dinge wird die neue Real-Führung offiziell am 5. Mai ihren Job antreten. Das Closing, also der offizielle Abschluss des Verkaufs von Metro an SCP, soll einen Tag vorher sein, wie Etailment erfahren hat.

Neu bei Görtz: Mehr Raum und mehr Umweltschutz



Zum Schluss noch schöne Nachricht. Und die kommt von Görtz. Der Hamburger Schuhfilialist hat auch eine schwere Zeit hinter sich, doch seit einer geraumen Weile sieht es so aus, als gehe es stetig nach oben.

Symbolhaft dafür sind zwei neue Läden, die am Donnerstag offiziell im besten Einkaufsquartier von Frankfurt eröffnet wurden: zwischen Goetheplatz und Steigenberger Hotel. "Das ist eine Bummellage", sagt Görtz-Geschäftsführer Frank Revermann. Das 23 Jahre alte Geschäft in der Biebergasse wurde geschlossen. Jetzt gibt es einen Flagship-Store in der Kaiserstraße 8, wo früher der Münchner Filialist Bettenrid residierte. Auf 1.500 Quadratmetern und drei Etagen geht es gediegen zu. 10.000 Paar Schuhe werden angeboten, es gibt eine Kaffeebar und derart viele bequeme Sitzgelegenheiten, dass es alte Kaufleute gruseln würde, weil sie den Raum früher mit Ware voll gestellt hätten, anstatt den Kunden Bequemlichkeit zu bieten. Dem Onlinehandel trägt Görtz hier mit einer Art Schrank Rechnung, in dem vom Kunden per Internet reservierte oder gekaufte Schuhe deponiert werden können. Gerade das System Reservieren und dann im Laden anprobieren erfreut sich großer Beliebtheit, heißt es.

Wenige Schritte weiter wagt Görtz etwas Neues. Room by Görtz heißt der erste Laden eines neuen Konzepts, das bunter und jugendlicher ist, auch Accessoires bietet und DEN Zeitgeistschuh Sneaker in den Vordergrund stellt. "Wir müssen den Kunden regelmäßig etwas Neues bieten", betont Revermann. "Früher hielt ein Ladenkonzept zehn Jahre, doch diese Zeiten sind vorbei." Und wenn man dabei noch etwas für die Umwelt tut, dann mögen das die Kunden heutzutage auch: 80 Prozent der Möbel im Room bestehen aus recycelten Materialien.

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Steffen Gerth
Geschrieben vonSteffen Gerth

Redakteur Der Handel und etailment

Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und etailment. Für das Digital-Commerce-Magazin der dfv Mediengruppe schrieb er unter anderem die wöchentliche Kolumne "Die Woche im Handel" mit Analysen zum Strukturwandel im deutschen Einzelhandel.

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