
EU überfordert: Nur jedes 12.000ste Paket wird kontrolliert
Eine EU-weite Kontrollaktion zeigt: Über die Hälfte der geprüften E-Commerce-Waren aus Drittstaaten erfüllt nicht die europäischen Standards. Während Handelsverbände die im Dezember beschlossene 3-Euro-Abgabe begrüßen, zweifeln Logistikexperten an deren Wirksamkeit.
David WöllensteinRedakteur4,6 Milliarden Pakete und kaum Kontrollen
Die Zahlen illustrieren eine Entwicklung, die Zollbehörden zunehmend unter Druck setzt: Seit 2022 hat sich das Volumen der in die EU versandten Kleinsendungen jährlich verdoppelt. 2024 wurden 4,6 Milliarden Pakete in den EU-Markt eingeführt, über 90 Prozent davon stammen laut EU-Kommission aus China. Im Juli 2025 lag das Wachstum gegenüber dem Vorjahresmonat noch einmal bei 36 Prozent. Plattformen wie Temu oder Shein gelten als wesentliche Treiber dieser Entwicklung.
Dem steht eine Kontrollquote von etwa 0,008 Prozent gegenüber – das entspricht 82 kontrollierten Artikeln pro eine Million freigegebener Produkte. Gleichzeitig stieg die Zahl der abgelehnten Artikel aus China von 17.192 im Jahr 2022 auf 48.139 im Jahr 2024, ein Plus von 180 Prozent.
Handelsverbände forderten Gegenmaßnahmen
Die dramatische Entwicklung hatte bereits im Oktober 2025 Markenverband und Handelsverband Deutschland (HDE) alarmiert. Beim Tag der Markenwirtschaft in Berlin forderten beide Verbände von Bundesregierung und EU entschlossenes Handeln. Laut dem Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) bestehen 5,8 Prozent aller EU-Importe aus gefälschten oder nicht rechtskonformen Waren. In Deutschland summieren sich die Schäden demnach auf fast acht Milliarden Euro pro Jahr, rund 64.000 Arbeitsplätze seien bedroht.
„Acht Milliarden Euro Schaden jährlich – das ist ein Alarmsignal“, sagte Franz-Olaf Kallerhoff, Präsident des Markenverbandes. Alexander von Preen, Präsident des HDE, ergänzte damals: „Die Zollfreigrenze muss so schnell wie möglich abgeschafft werden, sie wirkt seit Jahren wie ein Freifahrtschein für Schrott.“
3-Euro-Abgabe beschlossen – mit gemischten Reaktionen
Im Dezember 2025 reagierten die EU-Finanzminister: Sie beschlossen, die bisherige Zollbefreiung für Sendungen unter 150 Euro ab dem 1. Juli 2026 zu beenden und stattdessen eine pauschale Abgabe von 3 Euro für kleine Pakete einzuführen.
Gleichzeitig mahnte von Preen zur Vorsicht: Die Abgabe dürfe nur direkt an Endkunden versendete Waren betreffen. „Ansonsten könnte die Gebühr die internationalen Einkäufe der heimischen Handelsunternehmen verteuern und so zu neuen Wettbewerbsnachteilen führen“, so der HDE-Präsident. Auch die nationalen Zollbehörden stelle die Paketabgabe vor große Herausforderungen, da jede Zollbehörde in Europa anders und unterschiedlich effektiv arbeite. „Es braucht dringend gemeinsame Standards, eine IT-Vernetzung und eine viel engere Zusammenarbeit“, forderte von Preen.
Logistikexperte: „3 Euro ändern die Strukturen nicht“
Rico Back, Managing Partner der auf Logistik und E-Commerce spezialisierten SKR AG, äußert sich in einer Pressemitteilung kritisch. „Dieser Betrag ist zu niedrig, um die Geschäftsmodelle großer Plattformen substanziell zu verändern, und sie löst kein einziges Kontrollproblem“, so Back gegenüber Etailment. Seine Prognose: „Die Plattformen werden reagieren – mit Containerimporten, zentraler Verzollung, EU-Lagern und lokaler Zustellung. Die Strukturen ändern sich, die Mengen bleiben.“
Back, der über 30 Jahre Erfahrung in der Paket- und Logistikbranche mitbringt und unter anderem als CEO der Royal Mail Group und der GLS Group tätig war, plädiert stattdessen für einen grundlegenden Systemwechsel. Statt auf verstärkte physische Kontrollen zu setzen, schlägt die SKR AG eine einheitliche digitale Zollplattform für die gesamte EU vor.
Vorschlag: EU-weite digitale Zollplattform
Auf einer solchen Plattform müssten nach dieser Vorstellung alle E-Commerce-Sendungen bereits vor ihrem Eintreffen in Europa gemeldet werden. Plattformen wären verpflichtet, standardisierte Angaben zu Produkt, Hersteller, Herkunft, verantwortlicher Firma in der EU sowie zu Konformitäts- und Sicherheitsnachweisen zu übermitteln. Zollbehörden, Marktüberwachung und Produktsicherheitsstellen könnten europaweit auf denselben Datenbestand zugreifen – statt wie derzeit in 27 voneinander getrennten nationalen Systemen zu arbeiten.
„Solange die EU an der Illusion festhält, Produktsicherheit auf Paketebene kontrollieren zu können, wird es weder fairen Wettbewerb noch wirksamen Verbraucherschutz geben“, lautet Backs Einschätzung. „Ohne einen strukturellen Umbau bleibt jede Maßnahme kosmetisch.“
Ob und in welcher Form die EU-Kommission über die beschlossene 3-Euro-Abgabe hinaus systemische Reformen plant, bleibt abzuwarten. Die Zahlen der aktuellen Kontrollaktion dürften den Druck auf Brüssel jedenfalls erhöhen – die ab Juli geltende Regelung wird ihre Wirkung erst in der Praxis beweisen müssen.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
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