
Laufsporthändler Wiebelhaus: "Wir haben wie ein Start-up gearbeitet"
Jost Wiebelhaus stellte innerhalb weniger Stunden um von Stationär- auf Onlinehändler. Und: Es funktionierte. Denn als Laufsporthändler konnte er die Kunden mit Ausrüstung für eine der wenigen erlaubten Freizeitbeschäftigungen während der Lockdown-Zeit versorgen. Der Frankfurter Fachhändler wurde sogar zu einer kleinen Berühmtheit in der Branche.
Steffen GerthRedakteur Der Handel und etailmentWas war in der Lockdown-Zeit Ihr schlimmstes, was war Ihr schönstes Erlebnis?
Fangen wir mit drei schönen Erlebnissen an. Hier hat mich der Teamgeist beeindruckt, es war großartig, wie wir unsere Arbeit in dieser schwierigen Zeit so hinbekommen haben. Schönes Erlebnis Nummer zwei war, wie treu und loyal unsere Kunden waren. Manche hatten unseren Fahrradkurieren als Dankeschön Schokolade und Pralinen geschenkt, als sie zu später Stunde beliefert worden sind. Und schließlich war ich verblüfft über die Medien und deren intensive Berichterstattung über uns. Der Höhepunkt für mich war meine Teilnahme am "Digitaltalk" von Marcus Diekmann von Rose-Bike. Dass ich als kleiner Fachhändler dabei eine Stunde mit dem deutschen Amazon-Chef Ralf Kleber reden durfte, hatte ich mir auch nicht vorstellen können. Das schlimmste Erlebnis: Es war eine harte Zeit mit enorm viel Arbeit, ständig ging irgendwas Berufliches durch den Kopf, Abschalten war kaum möglich, auch dann nicht, als ich die knappe Zeit mit meiner Familie verbringen konnte. Meine Frau und unsere zwei Kinder freuen uns deswegen jetzt auf den gemeinsamen Sommerurlaub an der Ostsee, der ja, Stand heute, möglich sein wird. Wie haben Sie Ihren Betrieb am Laufen gehalten? Über den Lieferservice hatte ich ja schon berichtet. Eine Woche nach dem Lockdown gabs die nächste Videoaktion: "Laufstilanalyse at home". Die Kunden konnten von sich ein Video beim Laufen drehen lassen und uns dann per Whatsapp schicken. Von uns gab es dann per Telefontermin eine Beratung über den passenden Schuh zum Laufstil. Es war wichtig für unser Geschäft, dass wir in dieser Zeit einen Kontakt zu den Kunden aufgebaut haben, damit die nicht zu reinen Onlinehändlernn wechseln. Das war erfolgreich.
Was haben Sie dabei gelernt, was hat sich bei Ihnen verändert?
Gelernt haben wir, dass man auch nach 18 Jahren als Händler ein Start-up sein kann. Eine Geschäftsidee bei Null umsetzen, das ist kernig, erst recht in einer Krise. Wieder stimmte der alte Spruch: "Better done than perfect." Einfach machen. So ein eilig aufgebauter Versandservice kann nicht sofort rund laufen, aber nach zwei, drei Tagen hatte sich alles eingespielt. Der Lieferservice wurde derart gut angenommen, dass wir ihn auch jetzt weiter anbieten, obwohl der Laden wieder geöffnet ist. Das gilt auch für Online-Beratung und -Terminvergabe im Laden. Wir sind jetzt etwas digitaler geworden, keine Frage.
Konnten Sie trennen zwischen persönlichen Sorgen und den Sorgen ums Unternehmen?
Das war schwer, und es ist mir selten gelungen. Ich glaube, hier ging es jedem Unternehmer gleich. Alle hatten ja persönliche Ängste, mussten aber auch wieder stark sein, um sich um die besorgten Mitarbeiter zu kümmern.
Wie geht es Ihnen, seitdem die Geschäfte wieder geöffnet werden dürfen?
Da die meisten Sportarten wie Fußball, Volleyball nicht möglich waren, wollten die Deutschen laufen, um fit zu bleiben. Denn das war und ist ja erlaubt. Es gab deswegen einen großen Nachholbedarf an Laufsportartikeln, und weil das Wetter mitspielte, hatten wir einen sehr guten Neustart. Wir hatten sofort viele Kunden, auch viele Neukunden. Was wünschen Sie sich als Händler vom Staat?
Unser Geschäft ist ums Eck der Frankfurter Zeil, also in der Innenstadt. Ich wünsche mir, dass Staat und Städte an Konzepten arbeiten, die für attraktive Innenstädte sorgen. Es muss sich für die Kunden lohnen, den stationären Einzelhandel vor Ort aufzusuchen. Hier gibt es wegen der Coronakrise einen enormen Handlungsbedarf, einige große Unternehmen werden erhebliche Probleme bekommen, um sich zu behaupten.
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Redakteur Der Handel und etailment
Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und etailment. Für das Digital-Commerce-Magazin der dfv Mediengruppe schrieb er unter anderem die wöchentliche Kolumne "Die Woche im Handel" mit Analysen zum Strukturwandel im deutschen Einzelhandel.
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