Mobile Payment muss zum spielerischen Spaß werden

Mobile Payment muss zum spielerischen Spaß werden

Haben Sie sich in letzter Zeit einmal einen Kassenplatz im Supermarkt oder an der Tankstelle angesehen? Da sieht es ungefähr so aus, wie auf einer Messe. Eine zusammengewürfelte Ausstellungsfläche für Bezahlsysteme. Und nun auch noch Mobile Payment-Systeme. Kein Wunder, dass die Kassierer keinen Bock darauf haben, der Handel lustlos reagiert oder gleich das Handtuch wirft, weil er im Wirrwarr der Systeme, Standards und Anbieter schlicht den Überblick verliert. Und der Kunde? Ach ja, der Kunde...

OKOlaf KolbrückChefredakteur
6 Min.· Aktualisiert am
Teilen


Noch mehr Durcheinander? Gerne doch.
Die Anbieter wissen nämlich selbst nicht genau, in welche Richtung sich der Markt und die Technik entwickelt. Kreditkartenanbieter Mastercard bietet seinen Service MasterPass mit NFC und QR-Code-Technik an. Yapital, von der Otto Group ins Rennen geschickt und unter anderem bei Rewe im Rollout, setzt auf QR-Code und Beacon. Die Beispiele ließen sich endlos in unterschiedlichen Kombinationen fortsetzen.

Beacon, der Leuchturm, gilt jedoch ("Hurra, ein neues Spielzeug") fast schon als Heilsbringer. Das Investment ist vergleichsweise günstig, die Optionen sind vielseitig. Da stört es auch wenig, dass noch längst nicht jeder Handynutzer den neuen energieschonenden Standard Bluetooth Low Energy (BLE) nutzen kann - geschweige denn davon weiß (Das Learning bislang ist ja: Blouetooth aus, weil das den Akku schont). Aber BLE kann eben auch Werbung pushen.

Die ersten Anbieter stehen also schon parat, um zu zeigen was Beacon leisten kann. barcoo testet die Bluetooth-Technologie im mymuesli Laden in München und sendet den Nutzern Nachrichten mit besonderen Angeboten. Couponing-Anbieter Gettings plant mit dem Payment Services-Anbieter net mobile AG einen Piloten in Düsseldorf. Shopnow tummelt sich unterstützt mit Springer-Geld, in Läden in Hamburg und Berlin und das Hamburger Start-up Yoints von Sarik Weber pilotiert Testläufe in Drogerieketten. Der Nachteil: Es wird erstmal nur in Marketing-Kategorien gedacht. Gezahlt werden muss auf klassischem Weg.

Immerhin: Paypal zeigt, dass mit Beacon und der Übermittlung der Daten an das Kassensystem der Händler auch die Bezahlung per Gesichtserkennung keine Zukunftsmusik mehr ist. Tests für das freihändige Bezahlen laufen derzeit in Berlin. Klingt besser als mit dem QR-Code herumzufuchteln - bis einen die Kassiererin auf dem Bild partout nicht wiedererkennen will.


Trotz aller Unwägbarkeiten ist der Handel in Lauerstellung. Kein Wunder, gelten Mobile-Payment-Kunden doch als besonders konsumfreudig.

Wer sich am Ende durchsetzt?

Ein Blick auf den Formatkrieg bei den Videokassetten zeigt, dass nicht unbedingt die überlegene Technik sein muss. Das Rennen entschieden damals Marketing-Konzepte und der Preis.

Das könnte sich wiederholen.

Gerade, wenn es ums Geld geht, spielen vertrauenswürdige Marken eine Rolle. Da hat sogar die Deutsche Post als Spätstarter mit Paysmart eine Chance, wenn man den Absender deutlich herausstreicht. Ein Momentum, das Yapital als Teil der Otto Gruppe bislang nicht nutzt.
Aber auch die Kreditkartenanbieter und PayPal können hier punkten. Denen vertraut der Kunde ja im Zweifel ohnehin schon und ist womöglich gerade hier künftig eher bereit, eine biometrischen Identifizierung mitzumachen, die dann Pin-Codes überflüssig macht.

Wichtig auch: die Verbreitung. Das ist besonders für Paypal von Vorteil, weil es bestehende Gewohnheiten seiner Nutzer aus der Onlinewelt schlicht in die Kohlenstoffwelt transferieren kann, während andere Anbieter vielfach erst zumindest die kulturelle Hürde in die digitale Welt nehmen müssen.

Nutzwert, Zeitersparnis, Bequemlichkeit - das sollen die Mehrwerte für den Kunden sein. Klappt aber nur, wenn eine "One-Size-Fits-All-Unisex"-Lösung da ist, die Bezahlung, Coupons und Co in einem bietet. Auch hier tun sich besonders PayPal, aber auch Yapital mit ihrem Omnichannel-Ansatz hervor. Der ist ohnehin zukunftsweisend. Wenn der Kunde beim Einkauf schon nicht mehr zwischen Kanälen trennt, wird er das auch nicht beim Payment tun. Reine Loyality-Lösungen werden da wohl nur noch die Hardcore-Schnäppchenjäger erreichen. Gleichwohl ist auch das noch ein Massenmarkt.

Trotzdem wird es noch lange dauern bis Mobile Payment vom Fleck kommt. Weniger Komplexität, mehr Feature (Coupons, Peer-to-Peer-Überweisung) und Bequemlichkeit, sind nur Bausteine, aber nicht das Fundament. Überzeugen kann Mobile Payment nur dann, wenn es etwas aufbietet, was der klassische Bezahlvorgang, jener unangenehmste Moment beim Einkauf, sonst nicht bietet - Spaß nämlich.

Es muss Lust machen, mit dem Handy zu bezahlen: Über Belohnungsanreize, kleine intelligente Helferfunktionen wie eine Einkaufshistorie oder Trinkgeld-Optionen bei der Starbucks-Apps.

Über die Starbucks-App laufen übrigens inzwischen schon rund 10 Prozent aller Transaktionen.

Das kann man in weiten Teilen der Vielseitigkeit der App und Milieu-Vorteilen zuschreiben, aber auch dem Sinn für Details. Die neue Version wird einen Schüttelmodus enthalten, um den Bezahl-Barcode auf dem Bildschirm anzuzeigen.

Man kann das kindisch oder blödsinnig finden. Aber das ist genau der Ansatz den es braucht, um das Bezahlen zum spielerischen Vergnügen zu machen. Dann fragt kein Mensch mehr nach dem Format.

Teilen
OK
Geschrieben vonOlaf Kolbrück

Chefredakteur

Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.

Alle Beiträge
Morning Briefing

Alles, was heute zählt — jeden Morgen in Ihrem Postfach.

Das Morning Briefing kuratiert die wichtigsten News aus E-Commerce und Handel. Kompakt, einordnend, werktäglich ab 7 Uhr.

  • 10.800+ Abonnenten
  • Werktäglich ab 7 Uhr
  • Jederzeit abbestellbar

Mit der Anmeldung stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung zu. Abmeldung jederzeit möglich.