Entwicklerin testet Online-Shop per Tastaturnavigation auf Barrierefreiheit
© Black Forest Labs / Flux

Sind unsere Shops heute wirklich BFSG-ready?

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz hat 2025 für Aufmerksamkeit gesorgt, aber noch nicht für barrierefreie Shops. Michael Witzenleiter, Mitglied des Etailment-Expertenrats, argumentiert: Wer Accessibility nur als Compliance abhakt, baut keinen besseren Shop. Wer sie als UX-Briefing liest, schon.

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Diese Frage hat 2025 viele Roadmaps, Sprintpläne und Agenturbriefings geprägt. Sie klang nach Rechtsabteilung, Audit, Ticketliste und möglichst wenig Angriffsfläche. Verständlich. Seit dem 28. Juni 2025 ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, kurz BFSG, anzuwenden.

Für viele Onlinehändler bedeutet das: Digitale Angebote müssen barrierefrei zugänglich und nutzbar sein. Doch im Mai 2026 wird klar, dass die eigentliche Frage eine andere ist.

Nicht: Sind wir formal compliant?
Sondern: Ist unser Shop wirklich für Menschen gemacht?

Denn Barrierefreiheit ist nicht die neue Pflichtübung am Ende eines Relaunchs. Sie ist ein Stresstest für die gesamte Shop-UX. Wer Navigation, Filter, Produktseiten und Checkout nicht barrierearm gestaltet, verliert nicht nur Nutzerinnen und Nutzer mit Behinderungen. Er verliert alle, die gerade unter schlechten Bedingungen einkaufen: mobil, unter Zeitdruck, mit schwacher Verbindung, müden Augen, geringer Aufmerksamkeitsspanne oder einfach wenig Geduld.

Und davon gibt es im E-Commerce bekanntlich genug.

BFSG und WCAG: Was steckt dahinter?
Das BFSG ist die deutsche Umsetzung des europäischen European Accessibility Act. Es verpflichtet betroffene Anbieter dazu, bestimmte Produkte und Dienstleistungen barrierefrei anzubieten. Dazu zählen auch viele Angebote im elektronischen Geschäftsverkehr. Für Händler heißt das: Barrierefreiheit ist nicht mehr nur eine Empfehlung, sondern für viele Shops rechtlich relevant.

Die WCAG sind die Web Content Accessibility Guidelines. Sie sind der internationale Standard dafür, wie digitale Inhalte barrierefrei gestaltet werden können. Ihr Kern ist erstaunlich pragmatisch: Inhalte müssen wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein. Die aktuelle WCAG 2.2 ist seit Oktober 2023 W3C Recommendation und ergänzt ältere Versionen unter anderem um Kriterien zu Fokusführung, Zielgrößen und zugänglicher Authentifizierung.

Vereinfacht gesagt: Das BFSG beschreibt, dass digitale Angebote barrierefrei sein müssen. Die WCAG liefern die praktische Anleitung, wie das im Web funktionieren kann.

Oder noch einfacher: Das BFSG ist der Druck. Die WCAG sind das Werkzeug. Die UX entscheidet, ob daraus ein besserer Shop wird.

Der Markt hat reagiert. Aber nicht gut genug.
Kurz vor dem BFSG-Stichtag zeigte eine Untersuchung von Aktion Mensch und Google, wie groß die Lücke im deutschen E-Commerce noch war: Von 65 geprüften, stark frequentierten deutschen Online-Shops waren nur 20 allein per Tastatur bedienbar. Das ist kein Detailproblem. Wer einen Shop nicht ohne Maus bedienen kann, schließt Menschen mit motorischen Einschränkungen, Screenreader-Nutzerinnen und viele andere faktisch aus.

Der Befund war kein Ausrutscher. Bereits 2024 berichtete die Bundesfachstelle Barrierefreiheit über eine Untersuchung, in der nur 15 von 71 geprüften Online-Shops ohne Maus nutzbar waren. Der Markt hat also reagiert, ja. Aber eher defensiv. Vieles wurde geprüft, manches nachgebessert, einiges dokumentiert. Doch von einer konsequent barrierefreien Shop-Landschaft kann im Mai 2026 keine Rede sein.

Auch international sieht es nicht besser aus. Der WebAIM-Million-Report 2026 fand auf 95,9 Prozent der untersuchten Startseiten automatisch erkennbare WCAG-Fehler. Im Schnitt waren es 56,1 Fehler pro Seite. Automatisierte Tests finden nicht alles. Aber wenn sie fast überall etwas finden, ist das Signal eindeutig: Barrierefreiheit ist im Web noch immer kein Standard. Sie ist Arbeit.

Und genau das ist der Punkt.

Barrierefreiheit ist kein Sonderfall
Viele Händler behandeln Accessibility noch immer wie einen Randfall. Screenreader. Sonderzielgruppe. Gesetzliche Mindestanforderung. Irgendwo zwischen Datenschutzbanner, Cookie-Consent und Impressumspflicht.

Das ist der Denkfehler.

Barrierefreiheit betrifft nicht nur Menschen mit dauerhaften Behinderungen. Sie betrifft Menschen mit Sehschwäche, Farbfehlsichtigkeit, motorischen Einschränkungen, kognitiver Belastung oder temporären Einschränkungen. Sie betrifft Nutzer, die mit einer Hand am Smartphone einkaufen. Menschen, die draußen in der Sonne kaum Kontraste erkennen. Kundinnen, die Fehlermeldungen im Checkout nicht verstehen. Käufer, die ein Menü nicht bedienen können, weil der Fokus verschwindet. Und alle, die nach drei schlechten Klicks einfach abbrechen.

Barrierefreiheit ist deshalb keine Sonderanforderung. Sie ist Basisqualität.

Wer das verstanden hat, sieht BFSG und WCAG nicht mehr als Compliance-Kosten. Sondern als UX-Briefing.

Produktseiten: Alt-Texte sind keine Dekoration
Auf Produktdetailseiten entscheidet oft das Bild. Genau deshalb sind Alternativtexte kein technisches Beiwerk. Sie sind Teil der Produktinformation.

Ein schlechter Alt-Text lautet: „Produktbild“.
Ein besserer lautet: „Schwarzer Ledersneaker mit weißer Sohle und seitlichem Reißverschluss.“

Das klingt simpel, ist aber ein Prinzipienwechsel. Es geht nicht darum, jedes Pixel zu beschreiben. Es geht darum, die kaufrelevante Information zu transportieren, die ohne Bild fehlen würde: Farbe, Form, Material, Schnitt, Muster, Funktion, Besonderheit.

Bei Mode, Möbeln, Elektronik, Beauty oder DIY-Produkten können gute Alt-Texte den Unterschied machen. Nicht nur für Screenreader. Auch intern zwingen sie Teams dazu, Produktinformationen präziser zu formulieren. Und Präzision ist im E-Commerce selten ein Nachteil.

Navigation: Wer die Maus braucht, verliert Kunden
Die wichtigste Lektion aus den bisherigen Shop-Tests ist brutal einfach: Tastaturbedienbarkeit bleibt der Engpass.

Das betrifft Hauptnavigation, Burger-Menüs, Filter, Sortierungen, Größenwähler, Varianten-Auswahl, Produktkarussells, Warenkorb-Layer, Login-Masken und Cookie-Banner. Also praktisch alles, was moderne Shop-UX ausmacht.

Wenn der Fokus nicht sichtbar ist, ist der Nutzer verloren. Wenn ein Overlay per Tastatur nicht geschlossen werden kann, ist der Nutzer gefangen. Wenn Filter zwar hübsch animiert, aber nicht logisch erreichbar sind, ist die Bedienung kaputt. Nicht aus ästhetischen Gründen. Sondern funktional.

Und das Gefährliche ist: Viele dieser Probleme sieht man im klassischen Designreview nicht. Mit Maus, Trackpad und großem Bildschirm wirkt alles wunderbar. Erst mit Tastatur, Screenreader oder eingeschränkter Wahrnehmung zeigt sich, ob die UX wirklich trägt.

2026 reicht es deshalb nicht mehr, Barrierefreiheit am Ende zu testen. Sie muss in Komponentenbibliotheken, Designsysteme und QA-Prozesse hinein.

Checkout: Hier wird Accessibility zur Conversion-Frage
Der Checkout ist der Ort, an dem Barrierefreiheit entweder Umsatz rettet oder Umsatz kostet.
Pflichtfelder müssen eindeutig sein. Labels müssen sichtbar und technisch korrekt mit Eingabefeldern verbunden sein. Fehlermeldungen dürfen nicht nur rot sein. Sie müssen erklären, was falsch ist und wie es richtig geht.

„Ungültige Eingabe“ ist keine Fehlermeldung. Es ist eine Kapitulation.

Besser ist: „Bitte geben Sie die Postleitzahl fünfstellig ein.“
Oder: „Bitte wählen Sie eine Versandart aus, bevor Sie fortfahren.“

Das hilft Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Es hilft Screenreader-Nutzern. Es hilft aber auch allen anderen, die einfach nur schnell bezahlen wollen. Genau hier wird der betriebswirtschaftliche Hebel sichtbar: Barrierearme Formulare reduzieren Friktion. Weniger Friktion bedeutet weniger Abbrüche. Weniger Abbrüche bedeuten mehr Umsatz.

Accessibility ist also nicht das Gegenteil von Conversion-Optimierung. Sie ist eine ihrer saubersten Formen.

Designsysteme sind die neue Barrierefreiheitsfront
Viele Barrieren entstehen nicht im Content, sondern im System. Zu schwache Kontraste. Zu kleine Schriften. Links, die nicht als Links erkennbar sind. Buttons, die nur über Farbe unterscheidbar sind. Fokuszustände, die im Corporate Design nicht vorgesehen waren. Fehlermeldungen, die visuell hübsch, aber funktional unbrauchbar sind.

Das betrifft Preisangaben, Rabattlabels, Verfügbarkeiten, Streichpreise, Call-to-Action-Buttons, Formularzustände, Badges, Teaser und Navigationselemente gleichermaßen.

Deshalb ist Barrierefreiheit 2026 kein einzelnes Projekt mehr. Sie ist Governance.

Ein Shop, der Accessibility ernst nimmt, braucht verbindliche Regeln im Designsystem: Kontrastwerte, Fokuszustände, semantische Überschriften, Formularlogik, Mindestgrößen, Tastaturverhalten, ARIA-Nutzung, Fehlermuster, Modale, Slider, Tabs. Nicht als „nice to have“, sondern als Standard.

Denn jede neue Komponente kann eine neue Barriere erzeugen. Und jedes A/B-Testing kann eine alte wieder einbauen.

Die unbequeme Wahrheit: Viele Shops sind nur scheinbar nutzbar
Das Problem im E-Commerce ist nicht, dass Händler ihre Kundinnen und Kunden ausschließen wollen. Das Problem ist, dass viele Shops nur unter Idealbedingungen gut funktionieren.

Schnelles Netz. Guter Bildschirm. Gesunde Augen. Ruhige Umgebung. Mausbedienung. Keine motorischen Einschränkungen. Kein Screenreader. Keine kognitive Überlastung. Keine Fehler im Formular. Keine unerwarteten Overlays.

Aber echte Nutzung findet selten unter Idealbedingungen statt.

Genau deshalb ist Barrierefreiheit so wertvoll: Sie zwingt Shops, robuster zu werden. Klarer. Verständlicher. Fehlertoleranter. Und damit besser.

Zentrale Erkenntnisse
  • Das BFSG macht Barrierefreiheit für viele E-Commerce-Angebote rechtlich verbindlich.
  • Die WCAG zeigen, wie barrierefreie Shop-UX praktisch umgesetzt werden kann.
  • Der Markt hat reagiert, aber viele Shops sind Stand Mai 2026 noch nicht konsequent barrierefrei.
  • Die größten Baustellen liegen bei Tastaturbedienbarkeit, Fokusführung, Formularen, Kontrasten und dynamischen Komponenten.
  • Barrierefreiheit gehört in Designsystem, Frontend, QA, Content und Conversion-Optimierung.
  • Wer nur einmal auditiert, produziert mit dem nächsten Feature wahrscheinlich neue Barrieren.

Jetzt ist der Moment in dem Accessibility erwachsen werden muss
Das BFSG hat Aufmerksamkeit erzeugt. Das war wichtig. Aber Aufmerksamkeit reicht nicht. Heute beginnt die eigentliche Arbeit: Barrierefreiheit muss aus der Compliance-Ecke heraus und mitten hinein in die Produktorganisation.

Nicht als Sonderticket. Nicht als Audit-Anhang. Nicht als juristisches Feigenblatt.
Sondern als Qualitätsstandard für digitale Einkaufserlebnisse.

Die unbequeme Wahrheit ist: Ein Shop, der nicht barrierearm funktioniert, ist nicht fertig. Egal wie modern das Frontend aussieht. Egal wie stark die Marke ist. Egal wie gut der ROAS im Dashboard leuchtet.

Die gute Nachricht ist: Wer Barrierefreiheit ernst nimmt, baut nicht nur einen rechtssichereren Shop. Er baut einen besseren Shop. Einen, der klarer navigiert, verständlicher kommuniziert, Fehler besser auffängt und mehr Menschen zum Kauf befähigt.

Compliance ist nicht genug.

Am Ende gewinnt nicht der Shop, der Barrierefreiheit abhakt. Sondern der, der sie als UX-Vorteil begreift.

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Michael Witzenleiter
Geschrieben vonMichael Witzenleiter

Gründer und Geschäftsführer des KI-Start-ups Conversion Maker

Michael Witzenleiter ist Gründer und Geschäftsführer des KI-Start-ups Conversion Maker. In dem Podcast „Das Gelbe vom AI“ fasst er wöchentlich die News im Bereich der künstlichen Intelligenz zusammen. Seine Erkenntnisse im Bereich A/B-Testing und Verkaufspsychologie, die er in über 15 Jahren im Onlinemarketing gesammelt hat, teilt er in seinem Buch "Quick Guide A/B Testing" sowie dem Podcast CRO.café.

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