Frau hält Smartphone mit leuchtendem Bildschirm und zögert vor einer Kaufentscheidung
© Black Forest Labs / Flux

Vom statischen Shop zum absichtsbasierten Erlebnis: Warum E-Commerce am Anfang einer neuen Entwicklungsstufe steht

70 Prozent aller Warenkörbe werden abgebrochen – häufig nicht aus Desinteresse, sondern weil Shops im entscheidenden Moment nicht reagieren. Sören Stamer, CEO von Coremedia, erklärt, warum der klassische Funnel ausgedient hat und wie Intent-basierte Aktivierung Conversion aus bestehendem Traffic steigert.

SSSören StamerGastautor
7 Min.· Aktualisiert am
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Der klassische Online-Shop ist eher statisch aufgebaut: Seiten werden geplant, Inhalte vorab definiert, Kampagnen ausgerollt. Nutzer bewegen sich durch diese Struktur – unabhängig davon, warum sie gerade da sind oder wie nah sie tatsächlich an einer Kaufentscheidung stehen. Dieses Modell verliert zunehmend an Wirkung, weil sich das Entscheidungsverhalten der Kunden grundlegend verändert hat. Spätestens mit KI-gestützten Such- und Assistenzsystemen erwarten Nutzer, dass Inhalte sich ihrem Anliegen in Echtzeit anpassen – statt sie durch vordefinierte Strukturen zu führen.

Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, in der statische Websites schrittweise durch dynamische, adaptive digitale Erlebnisse ergänzt und teilweise ersetzt werden. Inhalte werden nicht mehr ausgespielt, weil sie vorgesehen sind, sondern weil sie in diesem Moment relevant sind. Besonders im E-Commerce wird dieser Wandel spürbare Auswirkungen auf Conversion, Effizienz und Umsatz haben.

Kaufentscheidungen sind nicht linear – sie entstehen in Momenten
Viele E-Commerce-Strategien orientieren sich noch immer am klassischen Funnel. Doch die Forschung zeigt seit Jahren, dass Kaufentscheidungen so nicht ablaufen. Google prägte bereits 2015 das Konzept der „Micro-Moments“ – kurze, absichtsgetriebene Augenblicke, in denen Nutzer reflexartig zum Gerät greifen, um etwas zu erfahren, zu vergleichen oder zu kaufen. In der Weiterentwicklung dieses Ansatzes beschrieb Google 2020 die „Messy Middle“: ein chaotischer Raum zwischen Kaufimpuls und Kaufabschluss, in dem Konsumenten in Schleifen aus Exploration und Evaluation navigieren – beeinflusst von kognitiven Verzerrungen und kontextuellen Signalen.

In der Praxis heißt das: Kaufentscheidungen fallen in kurzen, aber entscheidenden Momenten – bei einer konkreten Produktsuche, beim Vergleich kurz vor dem Warenkorb oder beim Zögern an der Kasse. Diese Momente hoher Kaufabsicht sind kurz sichtbar. Für Shops, die nicht sofort reagieren, besteht ein hohes Risiko, den Kunden kurz vor Abschluss zu verlieren.

Das Problem: Bestehende Systeme analysieren Verhalten meist im Nachhinein. Sie erklären, warum Nutzer abgesprungen sind, greifen aber zu spät ein, um die Entscheidung noch zu beeinflussen. Umsatz geht in wenigen Sekunden verloren – nicht, weil die Nachfrage fehlt, sondern weil Unternehmen Kaufabsichten nicht in Echtzeit erkennen.

Conversion scheitert oft am Zögern – nicht am Desinteresse
Ein häufiger Irrtum im E-Commerce ist die Annahme, dass fehlende Conversion mangelndes Interesse bedeutet. Tatsächlich scheitern viele Abschlüsse genau dann, wenn Nutzer bereits sehr nah an der Entscheidung sind. Laut Baymard Institute liegt die durchschnittliche Warenkorbabbruchrate weltweit bei rund 70 Prozent. Dabei geht nur gut 40 Prozent dieser Abbrüche auf reines Stöbern zurück – ein erheblicher Teil scheitert an vermeidbaren Faktoren wie unerwarteten Zusatzkosten, zu komplexen Checkout-Prozessen oder fehlenden Informationen zu Preis und Lieferung.

Statische Seiten reagieren darauf nicht. Sie zeigen allen Nutzern dieselben Inhalte, unabhängig von Kontext, Bedarf oder Nähe zur Kaufentscheidung. Genau hier setzt absichtsbasiertes Marketing („Intent Marketing“) an. Ziel ist es, aus dem Verhalten eines Nutzers abzuleiten, mit welcher Absicht er eine Seite besucht: Informiert er sich noch, vergleicht er Optionen oder steht er kurz vor einer Entscheidung?

Technisch basiert dieser Ansatz auf einem Zusammenspiel aus Content, Daten und KI. Auf dieser Grundlage wird das digitale Erlebnis dynamisch angepasst: Inhalte, Angebote und Ansprache verändern sich situativ und kanalübergreifend entlang der relevanten Touchpoints – zum Beispiel durch ergänzende personalisierte Inhalte oder indem ein Live-Chat oder ein Experten-Call zur direkten Beratung angeboten wird.

Von Personalisierung zu Intent-basierter Aktivierung
Personalisierung ist im Handel längst Standard – allerdings arbeitet sie im Kern rückwärtsgerichtet: Sie analysiert vergangenes Verhalten – etwa frühere Käufe oder betrachtete Produkte – und leitet daraus Regeln für die Ausspielung von Inhalten ab. Die zeitliche Logik ist historisch: Was ein Nutzer gestern getan hat, bestimmt, was er heute sieht. Entsprechend funktioniert auch der Trigger-Mechanismus meist regelbasiert („Wenn Produkt A angesehen, dann Banner B anzeigen“).

Intent-basierte Aktivierung verschiebt diese Logik in die Gegenwart. Sie bewertet nicht primär Historie, sondern die aktuelle Situation: Verweildauer, Navigationspfad, Kontext, Interaktionsdynamik. Technisch geschieht dies probabilistisch – also auf Basis von Wahrscheinlichkeiten, die aus mehreren Signalen in Echtzeit berechnet werden.

Im E-Commerce wird der Unterschied greifbar: Während klassische Personalisierung einem wiederkehrenden Nutzer erneut das zuletzt betrachtete Smartphone zeigt, erkennt Intent-basierte Aktivierung, ob dieser gerade Preise vergleicht, Zubehör sucht oder kurz vor dem Vertragsabschluss steht – und passt Content, Argumentation und Call-to-Action situativ an.

Nicht jeder Klick signalisiert Interesse – aber bestimmte Verhaltenskombinationen zeigen klar, wann eine Entscheidung unmittelbar bevorsteht. Dazu zählen etwa wiederholte Produktaufrufe, der Vergleich ähnlicher Angebote oder ein längerer Verbleib auf entscheidungsrelevanten Seiten. Intent-basiertes Marketing bewertet solches Nutzerverhalten in Echtzeit, trennt relevante Kaufabsicht von bloßer Aktivität und löst situativ passende Maßnahmen aus – digital oder menschlich, automatisiert oder assistiert.

Aktuelle Marktzahlen stützen diesen Ansatz: Eine Omnisend-Studie über 150.000 E-Commerce-Marken zeigt, dass verhaltensbasierte, automatisierte E-Mails im Jahr 2025 rund 25 Prozent des gesamten E-Mail-Umsatzes generierten – bei nur 1,7 Prozent des Versandvolumens. In den USA kauften Kunden, die auf Promotions klickten, mit 51 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit als im Vorjahr. Die Schlussfolgerung der Studienautoren: Marken, die auf Kaufabsicht in Echtzeit reagieren konnten, erzielten deutlich bessere Ergebnisse als solche, die auf zeitlich geplante Kampagnen setzten.

Wie angepasste Erlebnisse die Leistung bestehender Systeme steigern
Intent-basierte Ansätze ersetzen bestehende Tools nicht, sondern schließen eine Lücke. CRM, Kundendatenplattform, Marketing Automation oder CMS liefern Daten und Inhalte – doch erst durch die Verbindung von Echtzeit-Erkenntnissen und Echtzeit-Aktivierung entsteht die Fähigkeit, Nutzer während der Entscheidung kontextuell zu begleiten.

Für den E-Commerce bedeutet das: mehr Conversion aus bestehendem Traffic, weil Kampagnen situativ statt rein zeitlich gesteuert werden. Service und Sales werden genau dann eingebunden, wenn Kaufabsicht vorhanden ist – etwa indem Nutzer mit hohem Intent direkt über passende Touchpoints an Chat, Experten oder Beratung angebunden werden. Und weniger Streuverluste im Marketing, weil Echtzeit-Signale helfen, Ressourcen gezielter einzusetzen und Retargeting bei verlorener Kaufabsicht zu vermeiden.

Warum im Handel der richtige Moment über den Umsatz entscheidet
Im Handel sind Entscheidungen besonders zeitkritisch, und Alternativen sind meist nur einen Klick entfernt. Schon kleine Reibungen lassen Kaufabsichten verpuffen.

Adaptive Erlebnisse setzen genau hier an: Sie reagieren schnell auf konkrete Entscheidungssituationen und helfen, bereits vorhandene Nachfrage besser zu konvertieren – ohne zusätzliche Reichweite oder höhere Budgets. Aus dieser Perspektive wird die Fähigkeit, im entscheidenden Moment mit dem richtigen Inhalt präsent zu sein, zu einer der zentralen Stellschrauben für nachhaltiges Umsatzwachstum im E-Commerce.

Was Unternehmen bei der Umsetzung bedenken sollten
Intent-basierte Aktivierung ist kein einfaches Feature, das sich per Plugin nachrüsten lässt. Die technischen Voraussetzungen – Echtzeit-Datenverarbeitung, KI-Modelle, API-first-Architekturen – erfordern Investitionen in Infrastruktur und Kompetenz. Die Komplexität der Umsetzung ist höher als bei regelbasierter Personalisierung, da neben Marketing auch Data Science und IT eingebunden werden müssen.

Auch datenschutzrechtlich stellt der Ansatz Anforderungen, die über ein Standard-Cookie-Banner hinausgehen. Intent-Erkennung basiert zwar auf First-Party- und Zero-Party-Daten – also auf Verhalten auf den eigenen Kanälen und aktiv bereitgestellten Informationen. Dennoch kann die Echtzeit-Auswertung von Verhaltensmustern je nach Ausgestaltung als Profiling im Sinne der DSGVO gelten.

Die konkrete datenschutzrechtliche Bewertung hängt von der Implementierung ab: Welche Daten fließen in die Modelle ein? Wie transparent ist die Verarbeitung für den Nutzer? Werden automatisierte Entscheidungen getroffen, die den Nutzer erheblich betreffen? Unternehmen sollten diese Fragen frühzeitig mit ihrem Datenschutzbeauftragten klären, um den Ansatz rechtskonform und vertrauenswürdig umzusetzen.

Ein struktureller Wandel
Der Übergang von statischen Shops zu adaptiven Kauferlebnissen ist kein kurzfristiger Trend. Digitale Touchpoints entwickeln sich von Ausspielkanälen zu entscheidungsunterstützenden Systemen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob Kaufintention relevant ist – sondern wie schnell Unternehmen in diesen kurzen Entscheidungsfenstern mit relevanten Inhalten reagieren können. Wer diesen Wandel früh gestaltet, verschafft sich im E-Commerce einen messbaren Vorteil.
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SS
Geschrieben vonSören Stamer

Gastautor

Sören Stamer verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung als CEO in der Softwarebranche. Er hat die Digital-Experience-Plattform Core Media 1996 gemeinsam mit seinen damaligen Professoren gegründet und das Unternehmen zur globalen Expansion geführt. Sören Stamer schreibt und referiert regelmäßig über das Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz und Mensch.

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