Wem der Konter gegen Tesla nutzt – und wem er schadet

Wem der Konter gegen Tesla nutzt – und wem er schadet

Weltmarktführer Volkswagen kommt im Elektrozeitalter an. Am ersten Tag nach Freischaltung kollabierte das Portal für das neue E-Auto vor Anfragen . Wackelig könnte es auch für Händler, Werkstätten und das After-Sales-Geschäft werden.

BNBernd NusserRedakteur Der Handel / Lebensmittel Zeitung
6 Min.· Aktualisiert am
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ID auf einer Stufe mit "Käfer" und Golf

Dem Termin in der Hauptstadt maß der oberste Verkäufer denn auch historische Bedeutung bei – und so fehlte es nicht an salbungsvollen Wortgirlanden mit denen Stackmann den VW-Einstieg ins Elektrozeitalter auf eine Stufe mit der Erfindung des legendären „Käfers“ in den Nachkriegsjahren und der Einführung des Massenmodells Golf Anfang der 70er-Jahre stellte.

Dass der amerikanische Pionier Tesla bereits drei Elektromodelle mit allgemeiner Anerkennung auf der Straße hat, Jaguar kürzlich mit dem Akku-Geländewagen I-Pace den Titel „Weltauto des Jahres“ einheimste und der französisch-japanische Markenverbund Renault/Nissan seit geraumer Zeit die Verkaufsranglisten für Batteriefahrzeuge anführt, tat der Partystimmung der Wolfsburger in ihrer Berliner Repräsentanz keinen Abbruch.

Kooperationsangebot an die Konkurrenz

Das unbescheidene Motto des Marktführers: Platz da, jetzt kommt VW! Und natürlich erheben die Norddeutschen den Anspruch, fortan auch die E-Epoche zu dominieren. Eine Nummer kleiner geht es offenbar nicht. Dabei ist der peinliche und kostspielige Dieselskandal noch nicht einmal ausgestanden. Immerhin: Die Konkurrenz ist eingeladen, das Fahrzeugkonzept, den sogenannten Modularen Elektrobaukasten (MEB) in Kooperation zu nutzen. Schließlich müssen die Milliardeninvestionen irgendwie und irgendwann wieder ausgeglichen werden.

Kein anderer als VW, so die Botschaft von Stackmann, wird das Elektrosegment aus der Nische fahren. Deshalb starte man mit dem ID 3, einem Fließheckmodell in der gefragten Kompaktklasse, sozusagen dem Golf-Pendant mit Stecker, um gleich auf nennenswerte Absatzvolumen zu kommen, schließlich will der Hersteller ab 2025 bereits eine Million Stromautos pro Jahr verkaufen.

Einstiegsmodell für "unter 30.000 Euro"

„Unter 30.000 Euro“, so das Versprechen des Vertriebschefs, werde das Einstiegsmodell mit 45 kWh-Batterie kosten. Zudem stünden Stromspeicher mit 58 und 77 kWh zur Wahl. Damit seien Reichweiten zwischen 330 und 550 Kilometer zu erzielen.

Als nächstes folgen die teuren Nobelstromer der Konzerntöchter Porsche (Taycan) und Audi (e-tron), ehe ID zur Produktfamilie ausgebaut werde. Vor allem die Minibus-Studie „Buzz“ löste auf den vergangenen Messen regelrecht Begeisterung beim Publikum aus.

Und weil gerade alles neu ist bei Volkswagen, gibt es erstmals auch die Möglichkeit, auf einer Onlineplattform eines der 30.000 Fahrzeuge der ersten Edition mit 58 kWh-Akku für „unter 40.000 Euro“ zu reservieren. Zum Jahresende beginnt im Werk Zwickau die Produktion und ab Frühsommer 2020 startet die Auslieferung in 29 europäischen Ländern. 1.000 Euro Reservierungsgebühren müssen hinterlegt werden, die beim Kauf angerechnet werden. Wer dann doch nicht zu den „Early Adoptern“ gehören will, kann bis April 2020 aussteigen und seine „geparkte“ Anzahlung wieder einstreichen.

Doch im Netz scheint sich eher Euphorie breit zu machen. Am ersten Tag nach Freischaltung kollabierte jedenfalls das Portal vor Anfragen – der Hersteller registrierte 10.000 Reservierungen und spricht jetzt, wenige Tage nach der Freischaltung des Systems, von bereits 15.000 Bestellungen…

Wenn der ID 3 im kommenden Jahr tatsächlich an Kunden übergeben wird, treten auch die 2018 mühsam ausgehandelten neuen Händlerkontrakte in Kraft und alle Partner, die unterschrieben haben, können dann auch ID-Fahrzeuge verkaufen. „Der Kunde wählt sein bevorzugtes Autohaus. Jede Buchung läuft über den Handel“, unterstreicht Jürgen Stackmann die Bedeutung des Vertriebsnetzes, obgleich sich der Hersteller vertraglich das Recht der Direktvermarktung sicherte. Aber, so die Erkenntnis des Managers: „Menschen wollen mit Menschen sprechen, nicht mit Plattformen“.

Dennoch stehen den Handelsbetrieben mit der aufziehenden Verbreitung der Elektromobilität Veränderungen ins Haus: Den Kunden verspricht Stackmann gegenüber einem herkömmlichen Verbrennerfahrzeug nämlich „40 % weniger Servicekosten“. Folglich fehlen diese Einnahmen den Betrieben im Werkstatt- und After Sales-Geschäft.

Mercedes-Benz kontert mit dem EQC

Kampflos will die Konkurrenz dem VW-Imperium die Elektrobühne aber keinesfalls überlassen. Passend zum großen Auftritt in Berlin ließ Mercedes-Benz verlauten, dass man über die von den Wolfsburgern so gefeierte „Pre-Booking-Phase“ längst hinaus sei. Im Werk Bremen ist nämlich bereits die Produktion des EQC, des ersten vollelektrischen Modells der Marke, angelaufen. Das Fahrzeug mit einer NEFZ-Reichweite von rund 450 Kilometern kann ab sofort zu Preisen ab 71.281 Euro bestellt werden. Der EQC 400 4Matic wird auf derselben Linie produziert wie die C-Klasse, GLC und GLC Coupé.

Die Gesamtleistung des EQC beträgt 300 kW/408 PS und das Drehmoment 760 Newtonmeter. Der Wagen beschleunigt in 5,1 Sekunden von null auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit wird zugunsten der Reichweite bei 180 km/h abgeregelt. Zum Marktstart gibt es ein limitiertes Sondermodell zum Preis von 84.930 Euro.

Auch die französische PSA-Gruppe, allen voran die Marken Peugeot und Opel, legen jetzt den Schalter um, kündigen die elektrifizierten Kleinwagen 208 und Corsa sowie Plug-in-Hybride, wie den Grandland X, an. Ein Jahrzehnt lang hat die Automobilindustrie gezögert und gezaudert. Jetzt bahnt sich urplötzlich ein Wettlauf um die besten Plätze an der Steckdose an…

Weitere Förderung von Elektrofahrzeugen in Planung

Da kommt den Herstellern gelegen, dass derzeit eine Novelle des Gesetzes zur steuerlichen Förderung der Elektromobilität in Arbeit ist. So sollen beispielsweise dienstlich genutzte E-Autos über das Jahr 2022 hinaus steuerlich begünstigt werden. Eine weitere Maßnahme wäre eine Sonderabschreibung für die Anschaffung neuer, rein elektrisch betriebener Lieferfahrzeuge, die von 2020 bis 2030 und nur für gewerblich genutzte Elektrofahrzeuge der Fahrzeugklassen N1 und N2 bis 7,5 Tonnen gelten soll.

Zahlreiche Partner und Start-ups


Ganz alleine will Volkswagen übrigens die Welt dann doch nicht retten. Um die ehrgeizigen Elektromobilitätspläne in die Tat umsetzen zu können, geht der Konzern neben seinem Kooperationsangebot zahlreiche Partnerschaften ein und verbündet sich mit einigen Start-ups:

  • So läuft in Großbritannien eine Gemeinschaftsaktion mit Tesco. An rund 600 Filialen des Lebensmittelhändlers werden 2.400 Ladestationen installiert.
  • Das Jointventure „Ionity“, in dem neben VW unter anderem die Autobauer BMW, Daimler, Ford sowie Tank & Rast und Unternehmen aus der Mineralölwirtschaft verbunden sind, hat sich zum Ziel gesetzt, Europas Hauptverkehrsadern mit 400 Ladepunkten zu bestücken.
  • Als Teil des Volkswagen-Konzerns will das Start-up Elli (steht für El ectric li fe) der erste Anbieter auf dem Markt sein, der Fahrern und Flottenmanagern von elektrischen Fahrzeugen „ein nahtloses und ganzheitliches Lade- und Energieerlebnis“ bietet. Dazu stünden datengetriebene Lösungen, Hardware und Dienstleistungen im Angebot.
  • Unter dem Stichwort „We Charge“ unterstützt eine App europaweit bei der Suche nach Ladestationen.
  • Und in Salzgitter soll in einem europäischen Verbund eine Batteriezellfertigung entstehen. Soeben gab der VW-Aufsichtsrat für dieses Projekt knapp eine Milliarde Euro frei.

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Geschrieben vonBernd Nusser

Redakteur Der Handel / Lebensmittel Zeitung

Bernd Nusser ist Redakteur bei Der Handel und der Lebensmittel Zeitung in Frankfurt am Main. Er kam von der Verlagsgruppe Rhein Main zum Deutschen Fachverlag (dfv Mediengruppe), wo er seit November 2004 als Redakteur arbeitet, und wurde 2006 Chefredakteur der Lebensmittel Zeitung DIREKT. Er schreibt unter anderem über Handelsthemen, Konsumtrends und den Wandel im Autovertrieb.

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