
Bauern wollen Vertrauen zurückgewinnen
Während viel Fleisch "made in Germany" ins Ausland verkauft wird, kämpfen Deutschlands Bauern auf dem heimischen Markt mit einer Vertrauenskrise. Experten mahnen einen Wandel in der Tierhaltung an.

Während viel Fleisch "made in Germany" ins Ausland verkauft wird, kämpfen Deutschlands Bauern auf dem heimischen Markt mit einer Vertrauenskrise. Experten mahnen einen Wandel in der Tierhaltung an.

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An Vorschlägen, wie mehr Tierschutz in die Ställe einziehen kann, mangelt es freilich nicht. Während Tierschützer schärfere Gesetze und mehr Kontrollen fordern, wird der Bauernverband nicht müde, vor zu viel Bürokratie und «ordnungsrechtlichen Eingriffen» zu warnen. Denn striktere Auflagen würden die Fleischproduktion verteuern und damit die Ausfuhrchancen für Fleisch "made in Germany" deutlich schmälern.
Immerhin gehört die Bundesrepublik zu den größten Exporteuren von Agrarprodukten. Die hiesige Landwirtschaft erlöst jeden vierten Euro direkt oder indirekt aus diesem Geschäft. Allein beim Schweinefleisch lagen die Ausfuhren 2014 mehr als doppelt so hoch wie die Einfuhren.
So hat die Branche im Schulterschluss mit dem Handel zum Jahresbeginn den Befreiungsschlag versucht und die «Initiative Tierwohl» gestartet. Die Idee: Aus einem Fonds, der vom Handel über eine Umlage gespeist wird, bekommen Bauern Geld, um die Bedingungen für ihre Tiere im Stall zu verbessern. Doch der Fonds ist schon jetzt hoffnungslos unterfinanziert. Von den Schweinehaltern, die sich dafür beworben haben, konnte weniger als die Hälfte berücksichtigt werden.
Tier- und Umweltschützern geht das Programm ohnehin nicht weit genug. Von einem "Dumpingmodell" spricht die Agrarexpertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Reinhild Benning. Damit der Verbraucher wirklich die Wahl habe, sei eine verpflichtende Kennzeichnung mit der Art der Tierhaltung nötig - vergleichbar den Nummern 0 bis 3 auf dem Ei. «Dann kann der Verbraucher im Supermarkt klar entscheiden, welche Haltungsform er unterstützt», meint Benning.
Genau das hat Baden-Württemberg den Agrarministern vorgeschlagen, eine Arbeitsgruppe prüft das Konzept. Überhaupt sind Vorschläge in Sachen Tierschutz in der Landwirtschaft und Politik derzeit en vogue.
Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) hat eine eigene Tierwohl-Initiative gestartet - und setzt darauf, dass die Forschung neue Methoden entwickelt, etwa um das Schreddern männlicher Küken bis
2017 überflüssig zu machen. In mehreren Bundesländern werden Förderprogramme an strengere Tierschutz-Kriterien geknüpft. Auch Tier-Obergrenzen für Betriebe oder ganze Regionen sind im Gespräch.
Nach Einschätzung des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik hat die Betriebsgröße aber "einen vergleichsweise geringen Einfluss auf das Tierwohl". Als drängendste Punkte nennen die Experten ausreichend Platz, die Möglichkeit von Auslauf im Freien, den Verzicht auf Amputationen und weniger Medikamenten-Einsatz. Sie schätzen, dass dies die Verbraucherpreise um etwa 3 bis 6 Prozent erhöhen würde.
Dass viele Landwirte Vertrauen zurückgewinnen wollen und sich bei entsprechender Honorierung zu höheren Standards verpflichten, zeigt die enorme Resonanz auf die Brancheninitiative. Dennoch hält der Bauernverband die Vorschläge des Expertengremiums für praxisfern. Die Tierhaltung könnte ins Ausland abwandern. Präsident Joachim Rukwied verweist auf bereits sehr hohe Standards, die "wegdiskutiert" würden.
Doch der Verband spricht längst nicht für alle Bauern. "Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher", betont der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Georg Janßen. Die bisherige Strategie "Wachsen oder Weichen" und die Ausrichtung auf den Export habe in die Sackgasse geführt: "Es braucht einen Fahrplan für den Umbau, und dabei muss tiergerechte Haltung ganz oben stehen."
Janßen geht es dabei nicht nur um ein rasches Ende solch umstrittener Praktiken wie dem Schreddern von Küken. Er spricht sich auch klar für Obergrenzen bei der Zahl der gehaltenen Tiere aus. Zudem müsse der Weidegang für Wiederkäuer selbstverständlich sein - und gentechnisch verändertes Soja aus den Futtertrögen verbannt werden.