E-Lastenräder bieten sich als Alternative zu Transportern an – in der Stadt sind sie vergleichbar schnell. Damit die Wahl des richtigen Modells aus dem großen Angebot nicht zur Qual wird, hilft eine gründliche Bedarfsanalyse.
Kirsten Havers sieht viel Luft nach oben. „Lastenräder werden im Privatbereich stark genutzt, aber wenn man sich die Zahl der Zweitwagen ansieht, gibt es noch viele Chancen“, sagt sie. „Aber vor allem im Gewerbe wird das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft.“
Havers ist Projektleiterin bei Cargobike.jetzt. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, Lastenräder als selbstverständliche Mobilitätsform zu etablieren. Denn einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) von 2016 zufolge können acht bis 23 Prozent der gewerblichen Fahrten statt mit einem Kfz mit einem elektrifizierten Lastenrad zurückgelegt werden. Im Auftrag von Kommunen legt Cargobike.jetzt daher Testevents in größeren Städten auf: Verschiedene Hersteller stellen ihre Modelle zur Verfügung, die kostenlos ausprobiert werden können. „Viele Gewerbetreibende wissen gar nicht, dass es Räder gibt, die 250 Kilogramm transportieren können“, so eine der Erfahrungen von Havers.
Vergleichbar schnell
Welche Fahrten im Handel per Frachtdrahtesel erledigt werden können, lässt sich nicht pauschal sagen. Ganz vorne dürften Auslieferungen stehen, aber auch der Transport von Waren vom Lager in den Laden oder zwischen Filialen kommt infrage, ebenso Fahrten von Möbelhändlern zum Aufmaß in den Wohnungen der Kunden.
Sicher ist: In der Stadt sind Räder und Autos vergleichbar fix unterwegs. Die Lastenrad-Studie „Ich entlaste Städte“ des DLR ergab, dass Pkw und E-Lastenrad auf Strecken von bis zu drei Kilometern „nahezu gleich schnell“ sind. „Die Hälfte aller Fahrten mit dem E-Lastenrad, die bis zu 20 Kilometer lang waren, dauerten nur zwei bis zehn Minuten länger als mit dem Verbrenner.“ Denn Räder dürfen Einbahnstraßen oft in beide Richtungen nutzen, Radspuren ermöglichen es in der Regel, an Staus vorbeizufahren, und Radwege führen auch durch Parks und über Eisenbahnbrücken. Außerdem sind viele Fußgängerzonen für Fahrräder geöffnet. Und sie finden leichter einen Stellplatz. Die Parkplatzsuche für Autos ist in den DLR-Zahlen nicht mal berücksichtigt.
Grenzen verschwimmen
„Wer ein Fahrrad kauft, kauft auch die Rechte eines Fahrrads“, fasst es Jörg Albrecht zusammen, Vorstand des Radlogistikverbands Deutschland. Er sieht praktisch keine Lücken mehr zwischen großen Lastenrädern und leichten Transportern: „Ein vierrädriges Lastenrad mit Anhänger fasst fast so viel wie ein Sprinter.“ Der Schritt zum Lastenrad ist für viele Händler also möglicherweise kleiner als gedacht.
Die Wahl des Modells ist allerdings keineswegs von vornherein ausgemachte Sache. Es gibt zum Beispiel keinen Marktführer, der Orientierung böte. „Die Bedarfe und die Räder auf dem Markt sind einfach zu unterschiedlich, um klare Marktführer zu benennen“, sagt Arne Behrensen, Senior Expert Transportwende beim Branchenverband Zukunft Fahrrad. Allein die „Liste der förderfähigen E-Lastenfahrräder und E-Lastenanhänger“ des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (siehe Kasten Seite 19) kommt auf 152 Hersteller von elektrischen Lastenrädern mit 314 Modellen.
Behrensen rät daher, nicht von einem bestimmten Modell auszugehen, sondern vom nächstgelegenen Lastenrad-Händler. „Die Auswahl des Handels in der Nähe ist oft ein guter erster Angebotsfilter“, sagt er. „Und man hat den Service in der Nähe.“
Das Gegenargument: Viele Hersteller insbesondere von Schwerlasträdern bieten bundesweite Service- und Wartungsverträge. Es kommt auf die eigene Präferenz an.Keine Maximalszenarien
Händler, die überlegen, sich ein Lastenrad anzuschaffen, kommen daher nicht darum herum, die eigenen Anforderungen und Präferenzen gründlich abzuwägen. Zentrale Frage ist, was mit welchen Maßen und welchem Gewicht transportiert werden soll. „Nehmen Sie als Maßstab den alltäglichen Bedarf und nicht ein Maximalszenario“, rät Cargobike.jetzt. Vom zulässigen Gesamtgewicht müssen die Gewichte von Fahrrad und Fahrer abgezogen werden, um die mögliche Zuladung zu ermitteln.
Wichtig ist auch die Frage, ob es ein einspuriges Rad (zwei Räder) oder ein mehrspuriges (drei/vier Räder) werden soll – einspurige Modelle sind leichter und wendiger, müssen aber an Ampeln ausbalanciert werden. Mehrspurige Fahrräder können erheblich mehr Last verkraften, unterscheiden sich aber im Fahrgefühl deutlich von klassischen Rädern, unter anderem, weil sie oft Komponenten von Motorrädern oder Autos enthalten. Zum Beispiel S-Pedelecs: Sie dürfen nicht auf Radwegen fahren, sind aber bis zu 45 km/h schnell. Es empfiehlt sich daher, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzubinden, die das Rad fahren sollen.
Ein gutes Schloss und eine sichere Unterbringung gehören unbedingt dazu, für E-Räder zudem eine Steckdose im Außenbereich oder austauschbare Akkus, die im Haus geladen werden. Auch über Regenschutz muss gesprochen werden, genauso wie über Spritzschutz von unten. Über den Diebstahlschutz hinaus ist in der Regel keine besondere Versicherung notwendig, weil die Betriebshaftpflicht auch für die Nutzung eines Rades gilt.
Radeln lassen
Händler, die zu dem Schluss kommen, dass der Kauf eines 5.000 und mehr Euro teuren Rades nicht infrage kommt, können überlegen, Radlogistiker zu beauftragen. Der „Radlogistikatlas“ des Radlogistikverbands Deutschland (RLVD) weist erhebliche weiße Flecken auf – Radlogistik lohnt sich erst in Städten ab etwa 100.000 Einwohnern, so Jörg Albrecht aus dem Vereinsvorstand. Dort aber könnten die Preise mit dem klassischen Paketversand konkurrieren, wenn der Logistiker die Chance bekomme, mehrere Fahrten zu konsolidieren, sagt Albrecht.
Und dann gibt es auch das Modell, selbst Logistiker zu werden und etwa für benachbarte Läden Auslieferungen zu übernehmen. Oder das Rad in den ungenutzten Zeiten der Kundschaft zur Verfügung zu stellen. Entsprechende Initiativen freier Lastenräder haben sich in vielen Städten gegründet (siehe Textkasten).Handelsverband mit Leihrad
Der Handelsverband Hessen geht mit gutem Beispiel voran und stellt vom Büro im Süden von Frankfurt aus während der Bürozeiten über Main-Lastenrad.de ein kostenloses Rad vom Typ „Long John“ zur Verfügung. „Das ist kein Geschäftsmodell, sondern unser Beitrag für die Gesellschaft“, sagt Geschäftsführer Silvio Zeizinger. Schon am ersten Tag habe es eine Buchung gegeben, bis aus Offenbach sei Kundschaft gekommen. „Wir sehen absolut Zuspruch und würden uns freuen, wenn Händler unserem Beispiel folgen.“
Kirsten Havers weiß, dass Gewerbetreibende auf den Geschmack kommen: Fast ein Drittel der Unternehmen, die im Cargobike.jetzt-Projekt „Flottes Gewerbe“ ein Lastenrad testeten, hätten sich eines angeschafft, ein weiteres Drittel sei im Kaufprozess. Ähnlich die Studie „Ich entlaste Städte“: „32 Prozent der Teilnehmenden schafften sich nach Testende tatsächlich ein eigenes Lastenrad an.“
Dieser Artikel erschien zuerst in „Der Handel“.