
Neuer Umsatz durch kaputt
Wenn im Sommer 2026 das Recht auf Reparatur kommt, wird sich im Händleralltag vermutlich erst einmal nicht viel ändern. Der Elektrohandel bereitet sich aber auf die langfristigen Möglichkeiten vor.

Wenn im Sommer 2026 das Recht auf Reparatur kommt, wird sich im Händleralltag vermutlich erst einmal nicht viel ändern. Der Elektrohandel bereitet sich aber auf die langfristigen Möglichkeiten vor.

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Wenn im Sommer 2026 das Recht auf Reparatur kommt, wird sich im Händleralltag vermutlich erst einmal nicht viel ändern. Der Elektrohandel bereitet sich aber auf die langfristigen Möglichkeiten vor.
Im April 2024 stimmte das Europäische Parlament für das „Recht auf Reparatur“. Die deutsche Umsetzung kommt spätestens am 31. Juli 2026. „Das BMJV wird rechtzeitig ein nationales Gesetz zur Umsetzung dieser Richtlinie vorlegen“, verspricht das Bundesjustizministerium (BMJV). Der Elektrofachhandel in Deutschland findet das gut.
Die Vorschrift sei „eine große Chance“ (Electronic Partner), „definitiv eine Chance“ (Euronics), „klar eine Chance“ (Mediamarkt Saturn). „Es wird viele Verbraucher auf ökologische Themen aufmerksam machen“, sagt Gardy Kanzian, Leiterin Reparaturservices des Fachhandelsverbunds Electronic Partner. „Das ist angesichts der Ressourcenverschwendung absolut notwendig.“
Handel bleibt Anlaufstelle
Am Alltag ändern wird das neue Recht zunächst vermutlich wenig. Während der Gewährleistungszeit bleibt alles beim Alten, außer dass sich für Geräte, die in dieser Zeit repariert werden, der Haftungszeitraum um ein Jahr verlängert. Das „Recht auf Reparatur“ setzt nach Ende der Gewährleistung an: Dann „müssen die Hersteller gängige Haushaltsprodukte […] reparieren, die nach EU-Recht technisch reparierbar sind“, so das Europäische Parlament.Aber auch, wenn das Recht gegenüber Herstellern gilt, kommen die Kunden vermutlich doch als Erstes in den Handel – und der hat dann die Chance, ein Reparaturangebot zu machen, wie bisher auch. „Der Unterschied ist, dass sich niemand mehr darauf herausreden kann, eine Reparatur sei nicht möglich oder es gebe keine Ersatzteile“, sagt Verena Dvořák, Leiterin des Customer-Service-Centers der Händlergenossenschaft Euronics.
Der Handel möchte jedenfalls die Aufmerksamkeit nutzen, die das Thema 2026 bekommen wird. „Wir erhoffen uns Wachstum für unser Geschäftsmodell Reparatur“, sagt Dvořák. Im wahrsten Sinn des Wortes sichtbarstes Zeichen sollen „Repair Corners“ in den Ladengeschäften der Euronics-Mitglieder sein. „Reparieren war schon immer unser Kerngeschäft, wir wollen es erlebbar machen“, so Dvořák. Derzeit liefen dazu zwei Pilotprojekte. Der Ausbau von Reparatur- und Service-Werkstätten ist zudem Teil des Euronics-Nachhaltigkeitsprojekts „Life Epics“. Das Projektbudget von „mehreren Millionen Euro“ wird von der EU-Kommission bezuschusst.Datenbank in Arbeit
Außerdem plant Euronics ein Abo-Modell für Elektrogeräte inklusive Service, Reparatur und Ersatzteile und will verstärkt aufbereitete (refurbished) Second-hand-Weiße-Ware anbieten. „Das haben wir schon mal versucht, aber die Verbraucher waren noch nicht so weit“, sagt Dvořák.
Electronic Partner arbeitet seit 2024 mit der Händler-Kooperation Telering zusammen. Gemeinsam erstellen beide eine Datenbank der insgesamt mehr als 1.000 Werkstätten im Verbund. Sie soll es ermöglichen, jedem Kunden noch am selben Tag eine Lösung anzubieten, sagt Gardy Kanzian. Geplant ist, die Datenbank „jedem, der eine Werkstatt sucht, zur Verfügung zu stellen“. Wie genau das aussehen könnte, hängt von der Umsetzung der Richtlinie ab. Eine Art zentraler Werkstattsuche sieht die EU jedenfalls vor.
Zum deutschen Gesetz ist noch nicht viel bekannt. „Zu Einzelheiten kann das BMJV zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben machen“, schrieb das Ministerium Mitte Mai auf Anfrage von „Der Handel“. Der Handel hätte da einige Vorschläge.
Vage Formulierungen klären
So erwartet Euronics, dass vage Formulierungen („angemessene“ Preise, Fristen und Abhilfen) durch klare Definitionen konkretisiert werden. Mediamarkt Saturn geht einen Schritt weiter und möchte „zeitnah einen verbindlichen europäischen Qualitätsstandard für Reparaturdienstleistungen“. Außerdem sollen Refurbished-Geräte „als Alternative zur Einzelreparatur“ gelten. Das wünscht sich wiederum auch Euronics – nämlich, dass Altge-räte nicht automatisch als Abfall gelten und es auch ohne Zertifikat möglich werde, ihnen Ersatzteile zu entnehmen.
Die Genossenschaft EK (Electroplus) fordert klare Richtlinien für den Fall, dass Kunden während der Gewährleistung eine Reparatur statt eines Ersatzgeräts bevorzugen. „In solchen Fällen müssen die Hersteller die hohen Reparaturkosten übernehmen“, sagt Franz Schreckenberg, der den Einkauf von Elektro-Großgeräten verantwortet.
Allianz gegen Fachkräftemangel
Und dann ist da noch das Fachkräfteproblem: „Wir können heute schon nicht alles reparieren, was wir könnten“, sagt Euronics-Managerin Dvořák. „Deswegen pflegen wir eine Service-Allianz mit externen Reparateuren.“ Was die Behebung des Mangels etwa durch die Qualifizierung von Quereinsteigern angeht, hofft Euronics auf Unterstützung der Regierung.Electronic Partner sieht aktuell einen massiven Nachteil gegenüber den Hersteller-Kundendiensten: „Im Gegensatz zu den Herstellern können unsere freien Werkstätten Ersatzteile nur mit Zuschlag einkaufen“, sagt Gardy Kanzian. „Das könnte ihnen bei der Kalkulation das Genick brechen.“
Überhaupt wird viel von der Zusammenarbeit mit Herstellern abhängen. Alle betonen die Partnerschaft – der Herstellerverband ZVEI reagiert auf Anfrage etwa nach „angemessenen Preisen“ allerdings sehr nüchtern: „Die gesetzlichen Vorgaben werden selbstverständlich eingehalten. Zu beachten ist jedoch, dass Ersatzteile und Werkzeuge für die Reparatur nicht kostenlos zur Verfügung gestellt werden müssen und entsprechend auch künftig eine Geschäftsbeziehung zwischen Lieferanten von Ersatzteilen und Reparateuren besteht.“Handel uneinholbar vorn
Befürchtungen, die Hersteller könnten einen Reparatur-Preiskampf entzünden, gibt es kaum. Das sei nicht auszuschließen, sagt Christoph Komor, Vorstand von Expert, aber: „Ein lokaler Reparatur-Service ermöglicht kürzere Bearbeitungszeiten und weniger Transportkosten.“ Euronics sieht den Handel sozusagen uneinholbar im Vorteil. „Bis auf ganz wenige können Elektro-Hersteller flächendeckende Reparaturen gar nicht leisten“, so Verena Dvořák. „Wir schon, daher ist die Industrie auf uns angewiesen.“
Der Optimismus im Handel überwiegt bei Weitem. Die Händler sehen ihren Vorteil in ihrem direkten Kundenkontakt und erwarten zum Beispiel, mehr Geräte-Versicherungen verkaufen zu können.
Langfristig mehr Aufkommen
Die größten Veränderungen durch das „Recht auf Reparatur“ werden aber nicht kurz-, sondern langfristig erwartet. Zusammen mit der Ökodesign-Verordnung soll das neue Recht dafür sorgen, dass mehr Elektrogeräte als bisher überhaupt reparierbar sind. „Durch die künftig bessere Verfügbarkeit von Ersatzteilen und kostengünstigere Reparaturoptionen können zukünftig voraus¬ichtlich deutlich mehr Produkte repariert statt ersetzt werden“, so Ana Maria Jaime Salcedo, Vice President Sustainability bei Mediamarkt Saturn. „Dies wird das Reparaturaufkommen spürbar erhöhen.“
Oder wie es Christoph Komor von Expert ausdrückt: Das Recht auf Reparatur bietet „Chancen für mehr regionale Wertschöpfung“.
Der Beitrag erschien zuerst in „Der Handel“.