Wenn Künstliche Intelligenz gut darin ist, Muster in ungeordnet erscheinenden Daten zu finden, dann müsste sich das für Kundenbefragungen nutzen lassen. Das ist die Grundidee des Start-ups Experial. Das Unternehmen erstellt digitale Zwillinge von Zielgruppen, die sich – so das Versprechen – befragen lassen wie echte Kundenpanels.
Im Mittelpunkt der Arbeit des Wuppertaler Start-ups stehen digitale Zwillinge von Kundenpanels. Experial nennt sie „Digitale Panelisten": „Mit unseren Digitalen Panelisten werden die wichtigsten Erkenntnisse, die du erhältst, aus Tausenden von Interviews mit der Zielgruppe synthetisiert“, schreibt Experial auf seiner Website. „Unser gesamtes Panel wird gescreent, um die besten Befragten für deine spezifische Frage zu finden, und deren kollektives Feedback bildet die Grundlage für fundierte, datengetriebene Einblicke.“
Wer den Service abonniert, kann also nicht nur auf die echten Antworten echter Menschen zugreifen, sondern den digitalen Zwillingen zusätzliche Fragen stellen. „Wechsle zwischen abgerufenen menschlichen Antworten, die aus bestehenden Datensatz-Aussagen reformuliert wurden, und synthetischen Antworten, die von KI-Modellen basierend auf Panelisten-Profilen vorhergesagt werden“, verspricht die Experial-Website. „Die generierten Antworten spiegeln dann die Bandbreite der Zielgruppe wider und können unmittelbar als Feedback für Entscheidungen in Marketing, Produktentwicklung oder Innovation genutzt werden“, erklären die Gründer Tobias Klinke und Nader Fadl gegenüber Etailment.de. Die Verlässlichkeit der Antworten werde jedes Mal getestet. Zum Beispiel würden 500 digitale Zwillinge erzeugt und parallel 500 echte Personen aus der gleichen Zielgruppe befragt. „Die Übereinstimmung liegt meist bei 85 bis 90 Prozent“, sagen die Gründer. „Abweichungen können natürlich auftreten – je nach Thema, Zielgruppe oder Qualität des menschlichen Panels.“ Dabei ließen sich mehr Subzielgruppen abbilden als bei klassischen Panels, gleichzeitig fehle der KI bei sehr spitzen Fragen die nötige Tiefe. Das mache aber nichts, beide Methoden ergänzten „sich oft sehr sinnvoll“.
Aber wenn es sowieso Stichproben mit echten Menschen gibt – wozu dann die digitalen Zwillinge? „Echte Antworten nutzen wir zur Validierung – aber digitale Zwillinge sind viel schneller, günstiger und flexibler“, antworten die Gründer Klinke und Fadl. „Sie ermöglichen es, innerhalb von Minuten Ideen zu testen, Szenarien durchzuspielen oder Zielgruppen zu simulieren, die man sonst nur schwer befragen könnte. Und die Validierung mit menschlichen Teilnehmern ist optional.“
Gespeichert werden die Zwillinge nicht. „Wir haben mit dieser Idee bereits experimentiert, uns aber bislang bewusst dagegen entschieden – vor allem, weil viele Fragestellungen sehr spezifisch sind und eine dynamische Generierung flexibler und datensparsamer ist“, sagen die Gründer.Im Interview mit Etailment.de erläutern Tobias Klinke und Nader Fadl, beide nicht nur Gründer, sondern auch Co-CEOs von Experial, das Konzept.
Mal ehrlich und ohne Buzzwords: Wie würden Sie Ihren Eltern das Start-up erklären?
Angenommen, du möchtest herausfinden, wie ein neues Produkt bei potenziellen Käufern ankommt. Bislang musste man dafür aufwendige Umfragen durchführen und zahlreiche Menschen befragen, ein Prozess, der viel Zeit und Geld kostet. Wir haben dafür digitale Zwillinge realer Kundengruppen entwickelt. Diese lassen sich in wenigen Minuten simuliert „befragen“, um zu erfahren, was sie über ein Produkt denken – ganz ohne klassische Marktforschung. So erhalten Unternehmen innerhalb kürzester Zeit wertvolle Erkenntnisse, für die sie früher Wochen benötigt hätten.
Wie beschreiben Sie Ihr Geschäftsmodell einem möglichen Partner in 280 Zeichen?
Wir simulieren reale Zielgruppen mit KI-basierten digitalen Zwillingen. So erfahren Unternehmen in Minuten, wie Kunden auf Produkte oder Kampagnen reagieren – ganz ohne klassische Umfragen. Das spart Zeit, senkt Kosten und liefert valide Insights für bessere Entscheidungen.
Welche Unternehmen/Kunden konnten Sie bereits überzeugen?
Aktuell arbeiten wir vor allem mit größeren Unternehmen aus der B2C-Branche zusammen, zum Beispiel mit Teams von Unternehmen wie Fressnapf, Ergo oder der Versicherungskammer Bayern. In den nächsten Monaten werden wir unsere Software vollständig im Self-Service verfügbar machen, sodass dann Unternehmen aller Größen und Branchen an schnelle und verlässliche Customer Insights kommen.
Mit wem würden Sie gerne ins Geschäft kommen?
Für uns sind insbesondere Kollaborationen mit Tools interessant, die bereits heute stark im Arbeitsalltag von Produkt- und Marketingmanagern genutzt werden, wie zum Beispiel Figma oder Miro. So könnte man Customer Insights an den Ort bringen, wo sie gebraucht werden.
Was war die wichtigste Erkenntnis seit dem Start?
Hol dir immer so früh wie möglich Kundenfeedback – selbst wenn du dich für den aktuellen Stand deines Produktes schämst. Dieser Schritt wird in Zukunft durch erstes Feedback von digitalen Kundensimulationen etwas einfacher.
Auf welche Erfolgszahl sind Sie besonders stolz?
10 – diese Zahl repräsentiert die Köpfe unseres Teams. Wir haben eine unfassbar starke und motivierte Truppe zusammen. Darauf sind wir besonders stolz.
Welche Schlagzeile über Ihr Start-up würden Sie gerne in fünf Jahren in einer Wirtschaftszeitung lesen?
Dieses Startup macht Unternehmen auf der ganzen Welt kundenzentrierter.