KI-Nutzung im Job: Transparenz kann Anerkennung kosten
Wer im Arbeitsalltag offenlegt, dass Künstliche Intelligenz bei einer Aufgabe geholfen hat, riskiert offenbar einen deutlichen Verlust an Anerkennung. Business Insider berichtet über neue Studien, nach denen Vorgesetzte die Eigenleistung von Beschäftigten systematisch geringer bewerten, sobald diese KI-Unterstützung einräumen. Der zentrale Befund: Viele Führungskräfte schließen aus der Nutzung von Tools wie Chatbots oder Coding-Agenten, die Maschine habe den wesentlichen Teil der Arbeit übernommen.
Eine Metaanalyse der Northeastern University unter Leitung von Christoph Riedl untersuchte 13 Studien aus unterschiedlichen Berufsfeldern und Hierarchieebenen. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Sobald Mitarbeitende ihre KI-Nutzung offenlegen, werden ihre Leistungen durch Vorgesetzte durchweg abgewertet. Der sogenannte KI-Malus entsteht demnach nicht zwingend aus schlechterer Arbeit, sondern aus der Annahme, menschliche Kompetenz, Kreativität und Aufwand seien durch die Technologie ersetzt worden.
Wie gravierend diese Dynamik im Berufsalltag wirken kann, zeigen die geschilderten Fälle von Aubrey und Deepak. Aubrey, eine Gesundheitsanalystin aus New York, hatte über lange Zeit an einem Verfahren gearbeitet, um einen teuren medizinischen Herstellungsprozess zu beschleunigen. Obwohl sie den Chatbot Claude nur begrenzt nutzte, sollte sie in einer Präsentation vor der Führungsebene die Rolle der KI stark hervorheben. Während ihres Vortrags stellte ihre Vorgesetzte die Arbeit sogar so dar, als sei sie in kürzester Zeit von KI erstellt worden. Später fiel Aubreys Jahresbeurteilung verhalten aus; auf Nachfrage wurde der Vorfall als Faktor bestätigt.
Auch Deepak, ein IT-Entwickler in Indien bei einem Fortune-500-Technologieunternehmen, beschreibt eine ähnliche Erfahrung. Aus Transparenzgründen erwähnte er regelmäßig automatisierte Coding-Agenten, die er für Routineaufgaben einsetzt. Nach seiner Darstellung begann das Management daraufhin, seine positiven Beiträge zunehmend der KI zuzuschreiben. Er vermutet, dass dies seine erwartete Beförderung verzögert hat.
Für viele Angestellte entsteht dadurch ein Dilemma: Unternehmen fordern den Einsatz von KI, zugleich kann die Offenlegung dieser Nutzung die eigene berufliche Reputation schwächen. Manche Beschäftigte verheimlichen ihre KI-Unterstützung deshalb oder wägen genau ab, wie viel Anteil sie der Technologie öffentlich zuschreiben. Besonders in einer Phase, in der KI mit Entlassungen und Umstrukturierungen verbunden wird, kann die Frage nach Transparenz existenziell wirken.
Die Studien deuten an, dass sich der KI-Malus nur begrenzen lässt, wenn Beschäftigte ihre eigene Handlungsmacht klar darstellen: Wer offenlegt, welche Kernarbeit, Entscheidungen und Beiträge von ihm selbst stammen, kann der pauschalen Abwertung entgegenwirken. Gleichzeitig erschweren technische Messgrößen wie Token-Tracking eine differenzierte Bewertung. Sie zeigen zwar, wie intensiv ein Tool genutzt wurde, sagen aber nichts darüber aus, welchen fachlichen, kreativen oder strategischen Beitrag der Mensch tatsächlich geleistet hat.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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